Univ.-Prof. Dr. Friedemann Kreuder

MA VL. Dramaturgien im Gegenwartstheater: Staging Differences

Dozent:innen: Univ.-Prof. Dr. Friedemann Kreuder; Laura Benetschik
Kurzname: Dramatugien Gegenw
Kurs-Nr.: 05.155.640
Kurstyp: Vorlesung

Inhalt

Anknüpfend an Wirkungsversprechen der Theateravantgarden der 1930er und 1960er Jahre, entstehen seit Beginn des neuen Millenniums zahlreiche postdramatische Theaterformen, die sich die Aushandlung ‚globaler’ Diskurse im Bereich des ‚Lokalen’ unter ästhetisch-spielerischer Rahmung zunutze machen, indem sie gerade die feldspezifischen Teilnehmerrollen (Zuschauer:n versus Darsteller:n) mit ihren unterschiedlichen background languages sowie die an selbige gekoppelte Differenzierung von Alltagsrealität und Fiktion als ästhetisches Material gleichsam ‚umnutzen‘. Die beiden wichtigsten formalen Merkmale solcher Arbeiten bestehen erstens in der Herausforderung, bzw. dem Auflösen der Rollendifferenzierung von Darsteller:n, Figur und Zuschauer:nnen, sowie zweitens in ihrem Selbstverständnis als soziale, kulturelle, v. a. aber ästhetische Experimentalanordnungen. Das Spektrum der im experimentierenden Theater gebotenen, herausgeforderten bzw. aufgelösten traditionellen Teilnehmerrollen beginnt mit leichten Modifikationen des vormals Üblichen – indem Darsteller:nnen z. B. nicht mehr eine dramatische Figur verkörpern, sondern scheinbar als ‚sie selbst‘ auftreten, bzw. als Vertreter:nnen einer marginalisierten Gruppe in Szene gesetzt werden, oder indem Zuschauer:nnen nicht mehr im Zuschauerraum verharren, sondern ihrerseits inszenierte Räumlichkeiten begehen. Am anderen Ende des Spektrums findet sich eine weitgehende Inversion des Aktivitäts- und Erlebensmonopols der traditionellen Theatersituation in Formaten, die den Zuschauern immersive Extremerfahrungen anbieten, indem sie beispielweise die Grenzen zwischen BDSM-Club und Theatererfahrung erodieren, durch manipulative Strategien die Teilnehmer:nnen gegeneinander ausspielen („Wir“ versus „die Anderen“) und im Theaterrahmen Gruppendynamiken durch das Übernehmen von sozial inakzeptablen Szenerien und Handlungsanweisungen erlebbar machen.
Inhaltlich lassen sich zwei – in jeder Aufführung unterschiedlich stark ausgeprägte – künstlerische Ausrichtungen ausmachen, die die theatrale Auseinandersetzung mit Humandifferenzierung (Hirschauer) rahmen: Theaterproduktionen verhandeln zum einen schwerpunktmäßig mit klar formuliertem aufklärerischen Anspruch Prozesse der Reproduktion von beispielsweise ethnischen, religiösen, nationalen Humankategorien, die hierfür betont „heraufgespielt“ werden – zum Beispiel, indem Rassismus praktisch erlebbar inszeniert wird. So werden in der Inszenierung Enjoy Racism des Künstlerduos Thom Truong (Impulse Theaterfestival, Düsseldorf – Köln – Mülheim an der Ruhr 2018) Zuschauer:nnen unter peinlich genauer Inaugenscheinnahme ihrer Augenfarbe in zwei Gruppen aufgeteilt und gegeneinander sowie gegen eine ethnisch markierte Crew ausgespielt. Andere experimentierende Theaterformate sind hingegen durch ihren immersiven Charakter und durch Aufrufe zur Partizipation an einer affektmobilisierten handelnden Gemeinschaft gekennzeichnet: so ist das Publikum in der Produktion „£¥€$“ der belgischen Gruppe Ontroerend Goed (Theaterfestival Grenzenlos Kultur Mainz 2018) eingeladen, in Sechsergruppen in die Rolle eines „superreichen Machthabers“ zu schlüpfen, um die wirtschaftliche Verantwortung für ihr Land zu übernehmen. Hierbei werden aus dem Alltagsleben mitgebrachte Humankategorisierungen durch das Agieren in einer Spontangemeinschaft relativiert (oder gar irrelevant gemacht) – also „heruntergespielt“. Gleichzeitig wird an ihrer Stelle die temporäre spielerische Differenzierung zwischen den (Mit )Spielern und der Außenwelt performativ verstärkt, und so – ganz analog zu klassischen Experimenten der Sozialpsychologie – eine intensiv erlebbare Differenz zwischen den Insidern der Spielgemeinschaft und den Außenstehenden hergestellt. Aus dem Publikum wird scheinbar eine Gemeinschaft geformt. Es lassen sich bei zeitgenössischen experimentierenden Theaterprojekten demgemäß Praktiken der Humandifferenzierung in komprimierter Weise und in situ beobachten, gewissermaßen in einem theatralen Verdichtungsraum (Wehrle).

Termine

Datum (Wochentag) Zeit Ort
25.10.2023 (Mittwoch) 10:15 - 11:45 00 141 P2
1141 - Philosophisches Seminargebäude
08.11.2023 (Mittwoch) 10:15 - 11:45 00 141 P2
1141 - Philosophisches Seminargebäude
15.11.2023 (Mittwoch) 10:15 - 11:45 00 141 P2
1141 - Philosophisches Seminargebäude
22.11.2023 (Mittwoch) 10:15 - 11:45 00 141 P2
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29.11.2023 (Mittwoch) 10:15 - 11:45 00 141 P2
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06.12.2023 (Mittwoch) 10:15 - 11:45 00 141 P2
1141 - Philosophisches Seminargebäude
13.12.2023 (Mittwoch) 10:15 - 11:45 00 141 P2
1141 - Philosophisches Seminargebäude
20.12.2023 (Mittwoch) 10:15 - 11:45 00 141 P2
1141 - Philosophisches Seminargebäude
10.01.2024 (Mittwoch) 10:15 - 11:45 00 141 P2
1141 - Philosophisches Seminargebäude
17.01.2024 (Mittwoch) 10:15 - 11:45 00 141 P2
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24.01.2024 (Mittwoch) 10:15 - 11:45 00 141 P2
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31.01.2024 (Mittwoch) 10:15 - 11:45 00 141 P2
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07.02.2024 (Mittwoch) 10:15 - 11:45 00 141 P2
1141 - Philosophisches Seminargebäude