Experiment und Spiel in Wissenschaft und Kunst

Blockseminar mit Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Hans Ulrich Gumbrecht (Stanford)                                          und Prof. Dr. Friedemann Kreuder (JGU)

Experimentalsysteme sind Orte der Emergenz, mithin „Überraschungsgeneratoren“, „Maschinen zur Herstellung von Zukunft“ – so der Wissenschaftshistoriker Hans-Jörg Rheinberger. Im Gegensatz zum allgemeinen Verständnis der forschenden Wissenschaften scheinen Improvisation und Zufall den Forschungsalltag auch der Naturwissenschaften mehr zu prägen als Planung und Kontrolle. In einer Experimentalanordnung verkörpert sich zwar eine ganze Menge von Wissen, das zu einem gewissen Zeitpunkt als gesichert gilt. Jedoch muss der experimentelle Geist gerade komplementär zur Experimentalstruktur verfasst sein. Denn je besser man ‚seine Sache’ zu kennen glaubt, desto subtiler macht sie sich gegen einen bemerkbar. Insofern sind Experimentalanordnungen eigentlich Suchmaschinen, sie erzeugen Dinge, von denen man immer nur nachträglich sagen kann, dass man sie hätte gesucht haben müssen. Experimentalsysteme sind Strukturen, die es erlauben, Zufälle produktiv zu verarbeiten, weil sie den „epistemischen Dingen“ genügend Spielraum zur Entfaltung geben und damit Potential schaffen für einen „produktiven Umgang mit Nichtwissen.“

In dieser Hinsicht haben sie mit der Kunst gemeinsam, dass sie Einlassungen auf das Unvorwegnehmbare sind, - Produktionsprozesse mit ungewissem Ausgang, an dessen Ende Dinge stehen, die ihren Anfang nicht bestimmt haben. Wie in der wissenschaftlichen Forschung geht es auch in den Künsten um Formen der nach vorne offenen Erkundung von etwas, das sich in diesem Prozess nicht nur dem Zugriff entzieht, sondern allererst Gestalt annimmt. Ausgehend von ästhetischen Experimentalanordnungen im Rahmen der Theater-/Kunst (beispielsweise in den Arbeiten Björn Bickers oder Dries Verhoevens, des Kollektivs machina ex oder der Performance-Gruppe SIGNA) will das Seminar dem in ästhetischen wie epistemischen Dingen waltenden „Unschärfeprinzip“ (Heisenberg) oder auch Gehen ins „Offene“ (Hölderlin) nachspüren, mithin dem Ineinanderverschlungensein des ‚Spielerischen des Experiments’ und des ‚Experimentellen des Spiels’. Spiel- und Experimentbegriff sollen sowohl theater/kunst-, als auch natur- und sozialwissenschaftlich kompatibel diskutiert werden.

 

Das Seminar findet als Blockveranstaltung im Arbeitsbereich Theaterwissenschaft des Instituts für Film-, Theater und empirische Kulturwissenschaft (IFTeK) unter der Leitung von Prof. Dr. Friedemann Kreuder (IFTeK, JGU) und Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Hans Ulrich Gumbrecht (Stanford) in Kooperation mit dem Studienprogramm Q+ des Fachbereich 05 Philosophie und Philologie statt und richtet sich an Doktoranden, fortgeschrittene Master-Studierende, Q+-Teilnehmer sowie alle Kollegen und Freunde des IFTeK.

Friedemann Kreuder, seit 2005 Professor für Theaterwissenschaft an der JGU Mainz, forscht gegenwärtig im Rahmen der DFG-Forschergruppe 1939 Un/doing Differences. Praktiken der Humandifferenzierung und teilt mit Hans Ulrich Gumbrecht u.a. das Interesse für Spiel-Phänomene, -Metaphern und -Modelle und deren sozial- und kulturwissenschaftliche Erschließung. Hans Ulrich Gumbrecht, der nach Stationen an den Universitäten Konstanz, Bochum und Siegen seit 1989 Albert Guérard Professor in Literature im Department of Comparative Literature an der Stanford University, USA ist, lehrt und publiziert über Themen der Literaturästhetik und der Literaturgeschichte, über Kultur und Politik der Gegenwart sowie über Sport. Seine Arbeiten zur Präsenz, z.B. Diesseits der Hermeneutik. Über die Produktion von Präsenz, waren in vieler Hinsicht richtungweisend für die zeitgenössischen Diskurse in den Kulturwissenschaften und seine Beiträge zur Frage nach der Zukunft der Geisteswissenschaften sorgen nicht nur im Feuilleton immer wieder für Aufmerksamkeit.

Das Seminar fragt nach Denkansätzen, die von den Rändern der eigenen Disziplin her zu formulieren wären - ganz im Sinne des Potentials der “Humanties” im “thinking outside the box” (Gumbrecht).