Studierende der Mainzer Theaterwissenschaft begleiten im Rahmen einer Kooperation mit dem Seminar „Das beseelte Ding. Puppen-, Figuren- und Objekttheater“ unter der Leitung von Sarah Wendel M. A. das Mainzer Kultursommer-Festival NO STRINGS ATTACHED (Künstlerische Leitung: Nike Poulakos) und berichten multimedial von ihren Eindrücken. Das Festival erhält dadurch unmittelbares und vielfältiges Feedback der jungen Publikumsgeneration aus einer theaterwissenschaftlich geschulten Perspektive. Für die Studierenden bietet das Projekt eine praxisnahe Übung im Schreiben und Analysieren von Theaterformen. Durch die gemeinsame Besprechung der Aufführungen und die kritische Überprüfung der verfassten Kritiken in den anschließenden Seminarsitzungen wird sichtbar, welches theoretische und analytische Handwerkszeug noch weiterentwickelt werden muss, um den ästhetischen und performativen Eigenheiten des zeitgenössischen Figuren- und Objekttheaters gerecht zu werden. Dadurch können aus dem in den Rezensionen festgehaltenen Ersteindruck innovative Forschungsfragen entwickelt werden.

Ein roter Vorhang, eine Box, ein Bett. Und eine Stimme, die eigentlich verstummt ist. In „Edith and Me“, aufgeführt im Rahmen des „No Strings Attached“-Festivals in den Mainzer Kammerspielen, erzählt die israelische Regisseurin, Sängerin und Puppenspielerin Yael Rasooly eine zutiefst persönliche Geschichte von Trauma, Sprachlosigkeit und Wiederauferstehung durch Kunst. Es ist ein Abend, der zwischen Zartheit und Zorn oszilliert – getragen von Humor, Musikalität und einer erschütternden Ehrlichkeit. Rasooly verwebt in dieser One-Woman-Show autobiografisches Trauma mit dem Geist der unsterblichen Edith Piaf – und findet so eine Form, in der Kunst buchstäblich Leben rettet.

Rasooly, die nach einem sexuellen Übergriff ihre Stimme verlor, verwandelt ihr Schweigen in eine theatrale Komposition aus Gesang, Puppenspiel und bitterem Humor. Ihre Bühne – eine drehbare Box mit rotem Vorhang – wird Bett, Bühne, Verhörraum und Erinnerungsraum zugleich. Mit minimalistischen Mitteln und präzisem Timing erschafft sie eine emotionale Dichte, die unter die Haut geht.

Grandios, wie Rasooly zwischen Komik und Schmerz balanciert: Wenn die Piaf-Puppe herrisch „Louder, Louuuuder!“ ruft, lacht das Publikum – nur um kurz darauf in beklemmender Stille dem Reenactment des Übergriffs zu folgen. Puppenarme greifen nach ihr, zerren, drücken; Rasooly kämpft, singt, befreit sich. Hier wird Trauma nicht nachgestellt, sondern transformiert – durch Kunst, durch Stimme, durch Kontrolle. Und doch endet der Abend nicht in der Dunkelheit. „There is Andrew – Andrew wants hope“, sagt Rasooly lächelnd, erinnert an das Publikumsvoting vom Beginn, und singt – mit Edith, mit uns. In dieser Geste liegt die ganze Größe des Abends: Hoffnung nicht als Verdrängung, sondern als Akt des Wiederfindens.

„Edith and Me“ ist ein herausragendes Beispiel für autobiografisch inspiriertes Theater, das sich nicht in Betroffenheit verliert. Rasooly gelingt es, Schmerz und Komik, Trauma und Theatralität miteinander zu verschränken, ohne das eine dem anderen zu opfern. Ihr Spiel ist präzise, improvisationsfreudig, tief menschlich. Mit ihrer Verbindung aus Puppenspiel, Cabaret und Erzählkunst schafft sie einen intimen, universellen Abend über die Kraft der Kunst, die Stimme wiederzufinden – und darüber, dass Hoffnung manchmal aus der Vergangenheit kommt.

Eine Schauspielerin, eine Stunde, viele Puppen, eine Geschichte: In „Edith and Me“ erzählt Yael Rasooly die Geschichte einer Frau, die nach einem sexuellen Übergriff ihr Selbstbewusstsein beim Singen und ihre Freude am Leben verliert. Begleitet von Edith Piaf findet sie im Laufe der Handlung den Mut, darüber zu sprechen, was ihr widerfahren ist, und findet somit nicht nur metaphorisch sondern auch gesanglich ihre Stimme wieder.

Obgleich Rasooly die einzige Schauspielerin in dieser Inszenierung ist, so ist ihre Figur dennoch nicht allein auf der Bühne. Rasooly bespielt Puppen verschiedenster Art, unter anderem beinahe lebensgroße Puppen von Edith Piaf und Marcel Cerdan, sowie ein Miniatur-Auto, etwa 10 cm große Puppen in einem kleinen Boxring, lebensgroße Arme und Hände oder auch nur Köpfe.

Rasooly leiht allen Puppen ihre Stimme, lässt ihre Figur mit ihnen sprechen, lässt die Puppen miteinander oder auch mit dem Publikum sprechen. Es entsteht eine interessante Dynamik auf der Bühne, die es einem erlaubt zu vergessen, dass nicht die Puppen selbst sprechen und sich bewegen. Ihnen wird die Illusion von einem Eigenleben gegeben.

Die Inszenierung kombiniert ernste und emotionale Themen mit Gesang und Witz, der viel durch die Interaktion mit den Puppen entsteht. Ob lachend, gespannt lauschend, beklemmt zusehend, auf Interaktionen eingehend oder auch mitsingend: Das Publikum des Abends ist aufmerksam bei der Sache und begeistert.

Yael Rasoolys One-Woman-Show ,,EDITH & ME’’, welche beim Figurentheater-Festival ,,No Strings Attached’’ der Mainzer Kammerspiele am 24.Oktober aufgeführt wurde, berichtet von einer wahren Geschichte. Es wird gezeigt, wie die Folgen von Gewalt und Missbrauch durch die Kraft der eigenen Stimme überwunden werden können und man seine Lebensfreude wieder gewinnt. Begleitet wird sie auf ihrem Weg von Edith Piaf, der Gesangsikone, die eine große Rolle in ihrer Geschichte spielte.

In unterschiedlichen Stationen begleitet der Zuschauer Yael Rasooly dabei, wie sie die vergangenen Geschehnisse eines gewaltsamen Abends verarbeitet und erneut durchlebt. Das Bühnenbild besteht aus einer drehbaren Box in der Mitte der Bühne mit einem vertikal dargestellten Bett auf der einen und einem roten Vorhang auf der anderen Seite, als auch einem Stapel an Pappkartons auf der rechten Bühnenhälfte. Die Kraft, sich ihrem Trauma zu stellen,bekommt sie durch Edith, welche sie nicht nur mit aufmunternden Worten und Ratschlägen in der Verarbeitung unterstützt, sondern auch mit komödiantischen Momenten für eine Erholung von der Verarbeitung des Geschehens sowohl bei Yael als auch beim Zuschauer sorgt.

Dargestellt wird diese als lebensgroße Klappmaulpuppe in einem langen, schwarzen Kleid, dass Yaels schwarzes Kostüm, welches sie primär in der Aufführung trägt, komplimentiert. Kostümwechsel erfolgen im Laufe des Abends durch überziehbare Jacken in verschiedenen Ausführungen. Diese sind mit Puppenarmen ausgestattet, wodurch Yael weiterhin verschiedenste Gegenstände wie Autos oder einen Boxring mit ihren echten Armen zum Leben erwecken kann. Weitere in der Geschichte vorkommende Figuren, wie Ediths Liebhaber Marcel oder die Täter des Gewaltverbrechens werden durch unterschiedlichste Puppenfiguren in verschiedenen Ausführungen dargestellt. Untermalt wird alles durch Gesangseinlagen von Edith Piafs bekanntesten Liedern, welche sowohl für das Stück, als auch für die wahre Geschichte an sich eine große Bedeutung haben.

Von mir kann nur das größte Lob für so ein wundervolles Werk ausgesprochen werden. Yael Rasooly schafft etwas in meinen Augen sehr Schwieriges. Sie verbindet die Behandlung eines ernsten und echten Themas mit Comedy und schafft es hierbei, nicht die Prägnanz und Ernsthaftigkeit des zu behandelnden Themas zu verlieren.

Im Rahmen des „No Strings Attached“-Festivals kreiert Ari Teperberg mit seinem Stück „Untitled Document“ eine ungewöhnlich intime Atmosphäre im Theatersaal. Der Aufbau ist simpel: ein Stuhl, ein Schreibtisch, ein Laptop und eine Leinwand, auf der das Publikum mitlesen kann, was Teperberg in seinem Dokument mit uns teilt. Seine Stimme werden wir nicht hören. Die einzigen Geräusche sind das Klackern der Tastatur und vereinzelte Ton- und Video-Einspieler, die seine Geschichten untermalen.

Obwohl die Gedanken nur getippt erscheinen, wirken sie lebendig. Er spielt mit Sprache und Text, lässt Wörter zittern, pulsieren, wieder verschwinden. Manche Sätze brauchen mehrere Anläufe, bevor er die richtigen Worte findet. Er erzählt von Familie, Trauer, Freude und vom Krieg in Israel. Nach einem besonders ‚lauten‘ Moment wird das Dokument plötzlich blank. Die grelle, leere Leinwand überflutet den dunklen Raum mit Licht, fast schmerzhaft in den Augen. Spätestens hier wird klar: Das Dokument ist die eigentliche Bühne, und der Text das visuelle und emotionale Ereignis.

Eine Geschichte über Alexander Graham Bell, den Erfinder des Telefons, hinterlässt besonderen Eindruck: Bell entwickelte das Telefon aus dem Wunsch heraus, von seiner tauben Mutter gehört zu werden. Auf die Frage, ob auch sein eigenes, stilles Setting ein Versuch sei, gesehen zu werden, antwortet Teperberg: „Gesehen zu werden ist ein menschliches Bedürfnis. Ich wollte dem Publikum dieses Gefühl durch Theater und Medien spürbar machen.“

Was auf den ersten Blick wie ein einfaches Textprojekt wirkt, entwickelt sich zu einem intimen Portrait eines Menschen. Einblicke in Gedanken ohne Ablenkung, ohne festes Skript. Diese Momente sind selten und wirken lange nach.

https://theater.ftmk.uni-mainz.de/wp-content/uploads/sites/645/2025/10/Teperberg.mp4

Vor dem Computer sitzen. Nichts Neues?
Auf der Bühne vor dem Computer sitzen. Etwas Neues?
Auf der Bühne der Mainzer Kammerspiele vor dem Computer sitzen. Eine Performance?
Am 25.10.2025 um 20:00 Uhr auf der Bühne der Mainzer Kammerspiele vor dem Computer sitzen. Eine Performance von und mit Ari Teperberg.
Er schreibt ein unbeschriebenes Dokument, dass nach jeder Aufführung wieder gelöscht wird.
Das, was bleibt, sind die Erinnerungen.

„Ein Tisch, ein Stuhl, ein Laptop und eine große Leinwand“, mehr braucht der Künstler nicht, um seine Performance aufzuführen.
Er schreibt. Das Publikum liest.
Er schweigt. Das Publikum hört zu.
Es entsteht eine fokussierte Atmosphäre, in der das Publikum den Raum hört, aber auch das, was geschrieben wird.
Das Tippen auf der Tastatur.
Das Fingerknacksen als Vorbereitung des Schreibens.
Die Töne der musikalischen Bezüge.
Die Distanz, die zwischen dem Darsteller und dem Publikum entsteht, verliert die Sichtbarkeit.
Durch die besondere Form der Kommunikation entsteht: etwas Neues.
Das, was bleibt, sind gute Erinnerungen.

Viel braucht die Performance „Untitled Document“ des Performers Ari Teperbergs nicht. Eine Leinwand, einen Tisch, einen Stuhl, ein MacBook Pro. Auf letzterem ein leeres Google-Docs-Dokument oder eine hastige Google-Suche. Und natürlich der Künstler selbst: Mehr bekommt das Publikum an diesem Abend nicht zu sehen, und doch reicht dies völlig, um den rund eine Stunde zwanzig langen Abend voll und ganz zu füllen.

In diesem doch etwas unkonventionellen Theaterabend, welcher als Teil des diesjährigen Kultursommer-Festivals für Figuren- und Objekttheater NO STRINGS ATTACHED stattfand, wird die Art wie wir als Zuschauer*innen Theater schauen auf eine ganz neue Art und Weise untersucht: Ari Teperberg schreibt, wir lesen. Was in erster Linie nach einem eher ungewöhnlichen Konzept klingt, geht jedoch voll und ganz auf.

Als Zuschauer sehen wir auf der Leinwand hinter Ari Teperbergs Rücken das, was der Performer auf dem MacBook Pro vor sich in die Tasten tippt. So beschäftigen wir uns ganz ohne gesprochene Worte mit dem Thema des Hörens und Gehörtwerdens. Ein Ansatz welcher überzeugt. Auch von den spannenden Schicksalen des Erfinders des Telefons und des ersten Telefonseelsorgers erfahren wir schriftlich und in Form von Audio sowie Video im Laufe der Vorstellung. Des Weiteren erleben wir die Vergangenheit von Ari Teperberg fast gänzlich lautlos, doch nicht minder eindrucksvoll. Besonders Themen wie Kommunikation und Ausdruck, der Wunsch, gesehen und gehört zu werden, die Teil seiner Geschichte sind, rücken dabei lautlos in den Vordergrund. Teils ernste Passagen wechseln sich dabei während des Stücks mit humorvollen Momenten ab, die dem Abend eine frische und abwechslungsreiche Note verleihen. So erfahren wir von dem traurigen Tod einer geliebten Tante oder schauen dem Wort „Dance“ beim, nun ja, tanzen zu. Die Anekdoten und Gespräche mit dem Publikum greifen dabei sehr gut ineinander und ergänzen sich fast selbstständig.

Ari Teperberg schafft es, aus einem leeren Google-Docs-Dokument einen belebten, bunten und eindrucksvollen Abend zu erschaffen, der in keiner Sekunde an Spannung verliert. Gleichzeitig fordert er jedoch auch den/die Zuschauer*in auf, sich mit der eigenen Wahrnehmung konfrontiert zu sehen. „Untitled Document“ von Ari Teperberg ist definitiv ein Abend zum Anschauen und Anhören.

Ob ein überdimensionierter jagender Hase mit Lederhosen und kleinem Geweih oder Elfen, die für den Schuster in der Nacht das Schuhwerk herstellen: Les Antliaclastes, eine Figurentheatergruppe aus Frankreich, präsentiert im Rahmen von NO STRINGS ATTACHED dem Mainzer Publikum mit „La valse des Hommelettes“ eine verwunschene Welt der Surrealität. In Zusammenarbeit mit dem amerikanischen Regisseur und Puppenspieler Patrick Sim, Joséphine Biereye sowie Richard Penny wird nahezu jede Idee auf die Bühne gebracht.

Zu Beginn legt die Vogelmutter vier Eier in das liebevoll konstruierte Nest, welches auf einem Ast an der Kuckucksuhr befestigt ist. Ein weiteres großes Kuckucksei wird nachträglich aus dem Inneren der Uhr dazu gelegt. Das schlüpfende Vögelchen stößt die anderen Eier absichtlich aus dem Nest in eine darunter stehende Pfanne, worüber sich der jagende Hase sehr freut. Gegen Ende wiederholt sich die Szene, jedoch indem das Vögelchen das Jesuskind aus seiner Krippe stößt. Daraufhin erscheint ein UFO, welches das Vogelbaby entführt.

Die riesige Kuckucksuhr öffnet sich regelmäßig dort, wo das Ziffernblatt liegt. Verschiedene märchenhafte Miniatur-Geschichten, inspiriert von Grimms „Elfenmärchen“, spielen sich nach und nach im Uhreninneren ab. In einer Sequenz wird ein Rehkitz, was in eine Bärenfalle getappt ist, gezeigt. Niedlichkeit und Leid mischen sich in dieser Szenerie. Als das junge Reh verzweifelt versucht sein Bein zu befreien, kommt eine Elfe herbeigeflogen. Sie öffnet die Falle und das Reh kann fröhlich davonziehen.

Die Atmosphäre auf der Bühne ist düster, mystisch und verwunschen und wird mit  Walzerklängen und musikalischen Einlagen untermalt (Musik: Karin Dumont). Die Kunstschaffenden spielen dabei auf drei Ebenen – der Bühne, der Uhr und innerhalb des Uhrwerks. Mit nur wenigen Worten aus dem Off und ohne klaren Handlungsstrang erschafft das Trio eine wundersame Welt in einer und um eine magische Kuckucksuhr, in der nichts ist, wie es scheint.

Die französische Gruppe „Les Antliaclastes“ unter der Leitung des US-amerikanischen Puppenspielers Patrick Sims präsentiert im Rahmen des „No Strings Attached“-Festivals in den Mainzer Kammerspielen mit „La Valse des Hommelettes“ eine visuell beeindruckende Show, die das gesamte Publikum in ihren Bann zieht.

Im Zentrum steht eine riesige, verzauberte Schwarzwälder Kuckucksuhr, die die dreizehnte Stunde schlägt. Diese Steampunk-Ästhetik trifft auf die düstere Poesie der Grimm’schen Elfenmärchen. Es ist eine surreale, traumhafte Welt, in der Kaninchen Kuckucke jagen, Elfen sich in die Angelegenheiten der Menschen mischen und eine Vogelmutter Wolle spinnt. Die Grenzen zwischen Mechanik und Magie verschwimmen in dieser Inszenierung immer mehr.

Was das Stück so faszinierend macht, ist die technische Virtuosität. Sims und sein Team nutzen eine beeindruckende Bandbreite an Techniken: Von filigranen Marionetten über Stabpuppen bis hin zu poetischen Schattentheater-Szenen und Darsteller:innen mit kunstvollen Tiermasken.

Trotz der sichtbar geführten Figuren ist die Illusion perfekt. Wie es der Festivalname „No Strings Attached“ verspricht: Manchmal vergisst man völlig, dass dort Menschen am Werk sind. Die Puppen entwickeln eine fast schon unheimliche Eigenständigkeit, die die Zuschauer:innen tief in diese Märchenwelt zieht.

Mit nur rund 55 intensiven Minuten ist „La Valse des Hommelettes“ das perfekte, kompakte Erlebnis für alle, die das Theater einmal von einer ganz neuen, faszinierenden Seite erleben möchten.

Mit LA VALSE DES HOMMELETTES entführt die Compagne Les Antliaclastes unter der Regie von Patrick Sims ihr Publikum in eine Welt, in der Schwarzwälder Folklore wie das Fabelwesen Wolpertinger, Grimmsche Märchen und mechanische Poesie zu einem schräg-schönen Reigen verschmelzen. Das Puppentheaterstück ist eine Hommage an das Weben von Geschichten, an die Kunst des Erzählens und zugleich eine augenzwinkernde Dekonstruktion derselben durch das absichtliche Ignorieren linearen Erzählens.

Der Bühnenbereich ist eingenommen von einer überdimensionalen Kuckucksuhr, in deren Inneren sich wundersame Szenen abspielen: Kleine Wesen werkeln, tanzen. Sims Inszenierung spielt virtuos mit Mechanik und Licht. Alles verschmilzt zu einem lebendigen Oganismus, der atmet, kichert und knarzt. Die Musik begleitet all dies, irgendwo zwischen Walzer und Uhrwerk. Hier erhält das Unsichtbare, das Märchenhafte, eine groteske Körperlichkeit.

LA VALSE DES HOMMELETTES ist ein Märchen für Erwachsenen und etwas ältere Kinder: Poesie, Verspieltheit und Düsternis durchziehen als Grundstimmung die Stunde, in der man in der Kuckucksuhr verweilen darf. Es erinnert daran, dass das Theater selbst die schönste Form des Zaubers ist. Das Ziehen der Fäden bleibt stets für uns sichtbar. Wir wissen: Hier werden Handpuppen und Marionetten bespielt, und trotzdem fühlt es sich ein wenig wie Magie an, dabei zuzusehen, wie Puppen zum Leben erwachen, eine Seele bekommen und man sich als Zuschauender verzaubern lassen darf.

Märchen sind grundsätzlich zeitlos, werden über Generationen weitererzählt, oft verändert sich dabei der Inhalt. Frei nach Grimms „Elfenmärchen“ erzählt das Theaterkollektiv „Les Antliaclastes“ im Rahmen des Festivals „No Strings Attached“ eine Geschichte, die von der Zeit gelenkt wird. Schlägt die dreizehnte Stunde, passieren merkwürdige Dinge in einer Uhr.

Das Bühnenbild von Patrick Sims, welches einer Kuckucksuhr gleichkommt, wird trotz seiner überschaubaren Größe ausgiebig genutzt, es werden stets neue Türchen geöffnet und wie in einem Adventskalender befindet sich hinter jedem eine neue Überraschung. Joséphine Biereye schafft Tiermasken, die in ihrer Struktur zwar realen Tieren ähnlich kommen, jedoch durch ihre Überdimensionalität und teilweisen Ergänzungen (Ein Hase mit Geweih) eindeutig einer Märchenwelt entspringen. Die Masken (Kuckuck und Hase) werden dabei von den Darsteller*innen in den Szenen getragen, die außerhalb der Kuckucksuhr spielen.

Innerhalb der Kuckucksuhr schafft sie durch diverse kleine Marionetten und Puppen eine Fantasiewelt, die sich optisch von derFantasiewelt außerhalb der Kuckucksuhr abhebt. Die Puppen werden dabei so präzise geführt, dass sie scheinbar eigene Charakterzüge entwickeln. Untermalt wird die Inszenierung von passender, meist eher dramatischer Musik, die einem festen Handlungsschema folgt.

Die Zusammenhänge zwischen den einzelnen Szenen werden oft nicht deutlich, womöglich gibt es auch keine. Die 60-minütige Inszenierung spielt ganz bewusst mit dem Thema „Zeit“. So wird dem Publikum aufgrund verschiedener Handlungsstränge auch nicht klar, wann die Inszenierung vorbei ist. Verstörend-spielerisch zeigt die Inszenierung eine fremde Welt, in der trotz Fantasie die Zeit stets eine wichtige Rolle spielt.

Das deutsch-französische Institut zeigt mit der Doppel-Inszenierung „SPIEL RÄUME“ von Jo Posenenske und Elise Cornille zwei verschiedene Blick, darauf, wie Räume entstehen können: Wie kann mit einem Raum gespielt werden und dieser neu aufgefasst werden?

Im ersten Teil lernen wir eine anonyme Figur kennen, die nur zu Beginn und zum Schluss ihrer Sequenz mit dem Publikum spricht, auf jeweils englisch, französisch und deutsch. Sie stellt sich inmitten eines flachen Kastens und zieht eine Seite hoch, sodass er nun von einem 2D zu einem 3D-Kasten wird.

In drei verschiedenen Durchgängen entstehen drei verschiedene Räume, die die Figur aus dem Boden heraus hochzieht. Zunächst entsteht im ersten „Durchgang“ ein Zimmer mit einem Fenster und einem Tisch, der in der Luft hängt. Nachdem sie sich ein paar Minuten in diesem aufhält, scheint sie zu bemerken, dass etwas nicht stimmt. Sie muss im Liegen essen und passt nicht in jede Ecke rein. Nun zieht sie an einer weiteren Ecke, der vorherige Raum klappt zur Seite und es entsteht ein Zweiter daneben.

Dort verbringt die Figur ihren Tag, trinkt einen Kaffee, hört Radio, treibt Sport, sitzt am Tisch und geht zu Bett. Es ist monoton, so wie der Alltag nun mal ist. Es erinnert ein wenig an den Film „Die Truman Show“, wobei der Hauptcharakter in einer unechten Welt ebenfalls im monotonen Alltag gezeigt wird, der von Tag zu Tag gleich aussieht. Somit wird der Raum selbst gestaltet und entfaltet, wie es der Figur im Moment passt. Ein letzter Raum entsteht, wobei wir die Figur nicht sehen, sondern nur hören. Mit nur einer Bewegung entsteht ein völlig neuer Raum, der neu gestaltet und genutzt werden kann.

Der zweite Teil bietet uns eine völlig neue Interpretation des Raumes. Diesmal sehen wir eine Figur, mit einer Puppe in der Hand. Aus dieser Puppe werden mehrere Dinge herausgezogen, aus ihren Ärmeln als auch Taschen. Dabei findet ein Tanz statt: Die Figur bewegt sich durch den Raum und nutzt den Platz komplett aus. Mit der Puppe tanzt sie weiter, wälzt sich auf dem Boden und nimmt den Raum für sich ein. Mithilfe dieses durchgängigen Tanzes wird im Gegensatz zur Statik der vorherigen Figur dargestellt, wie ein Raum genutzt werden kann.

Ein Raum, zwei Figuren, die jeweils ihren eigenen Raum erstellen und gestalten. Der Inszenierung gelingt es zwei Perspektiven auf Räumlichkeit zu schaffen. Was ist ein Raum? Wie kann er genutzt werden und wie entsteht er? Diese Fragen hinterlässt „SPIEL RÄUME“ und lässt uns über das Konzept des Raumes tiefer nachdenken.

Es ist dunkel. Nur ein Scheinwerfer richtet sich auf die Spielfläche: Die darstellende Person ist mit Seilen mit der kippenden Kulisse verbunden. Mit vollem Körpereinsatz und hoher Konzentration wird die Wand balanciert, mit dem Versuch diese sanft zu Boden zu bringen. Kurz bevor sie aufsetzt, doch ein Knall – Das Bühnenbild bleibt an diesem Abend in Bewegung.

Die Inszenierung “Zimmer / Rooms”, basierend auf dem Prosagedicht von Gertrude Stein, wird in dem Bachelor-Projekt von Jo Posenke in Bildersprache auf die Bühne gebracht. Worte treten in den Hintergrund, denn gesprochen wird kaum – lediglich die Einleitung und der Abschluss werden verbalisiert. Posenke bleibt überwiegend stumm, mal wird zu Radio-Klängen gesummt, mal wird ein Gesang unter der Dusche angestimmt. Das Bühnenbild wirkt wie ein aufklappbares Papier. Der 2D-Charakter wird durch das überwiegend schlichte Weiß untermauert. Mit der Zeit ziehen allerdings immer mehr farbige Gegenstände ein und beleben den kleinen Wohnraum, verleihen ihm Charakter.

Nach der Pause folgt “Habitat” von Elise Cornille – Doch sie kommt nicht allein: Ihr Mitspieler ist eine kleine graue Puppe. Mit ausdrucksstarken Bewegungen windet sie sich über die Bühne und baut eine Welt für ihren kleinen Kollegen. Von winzigen Häusern bis zu einem Wald, der sich über ihren Rücken entfaltet, zieht sie immer weitere Dinge aus ihren Taschen, lässt Kleidungsstücke fallen und kreiert somit ein Habitat.

Was bei beiden Arbeiten bleibt, sind Bilder, die sich einprägen – vieldeutige Kompositionen, die sich nicht vollständig entschlüsseln lassen und gerade dadurch berühren. “Spielräume” lädt dazu ein, hinzusehen, zu fühlen und eigene Bedeutungen zu finden.

An diesem Doppelabend werden von den Darstellenden Jo Posenenske und Elise Cornille  verschiedene Zugriffe auf Figuren und Räume getätigt. Die erste Hälfte des Abends „Zimmer/Rooms“ wird von der Figur selbst eingeleitet, die schon vor Beginn der Aufführung auf das Publikum wartet. Nur zu Beginn hören wir diese sprechen. Denn es handelt von einer Verbildlichung eines Gedichtes von Gertrude Stein, wie sie uns erzählt. Wir sollten selber entscheiden, ob die Bilder, die die Figur auf die Bühne bringen würde, uns zufrieden stellte. Nach der Vorstellung erhielt man eine Kopie des Gedichts.

Zu sehen ist ein Alltag einer unbekannten Person, die ohne zu sprechen mit dem Publikum interagiert. Entweder fotografiert sie das Publikum mit einer zweidimensionalen Kamera oder sie zeigt ein kleines Papiermodell von der Kulisse, die sich auch drehen, wenden und aufklappen lässt. In mehreren Abläufen erfahren wir mehr über den Alltag der Figur. Sie treibt Sport, trinkt Kaffee immer an derselben Stelle und fotografiert das Publikum mit ihrer Kamera. Immer derselbe Ablauf, imer dieselben Gesten.

Im Verlauf der Vorstellung merkt man anhand der Gestik und Mimik, wie erschöpft diese Figur wird und versucht aus diesem Alltag auszubrechen. Sie wird lethargischer. Trägt mehr Unwille in sich die Aktionen auszuführen, die uns bekannt wurden. Immer alleine. Die vier Wände sind wie die ganze Welt für diese Figur. Die Frage bleibt offen, ob sie darüber glücklich ist oder nicht. Zuletzt feiert sie ihren Geburtstag. Nach dieser Feier voller Beschmückungen zerfallen die Zimmer in die vier Flächen aus denen sie am Anfang entstanden sind.

Elise Cornille entführt einen auf eine andere Weise in eine andere Welt. Auch hier spricht niemand. Die Tänzerin ist zusammen mit einer Person, die die Scheinwerfer hält, alleine auf der Bühne. Sie hält eine kleine, tonfarbene Figur in den Händen. Mal fliegt sie über den Bühnenboden. Mal läuft sie scheu über den Boden. Langsam zerrt, fällt oder reißt die Tänzerin sich kleine Requisiten aus den Ärmeln ihres Pullis, die verschiedene Gebäude darstellen. Mit der kleinen tonfarbenen Figur fliegen wir gemeinsam über die Landschaft, die Wälder und Berge in einem interpretatorischen Tanz.

Beeindruckend ist die Szene, in der sich Elise Cornille auf dem Boden wälzt als habe sie starke Schmerzen. Nach viel Ringen schafft sie es, ihr Oberteil auszuziehen. Hervor kommt eine grüne Fläche auf ihrem Rücken, die wie Stacheln aussehen. Doch ist es ein Wald, der sich hier befindet.

Schlussendlich kann man sehen, dass beide Darstellenden den Bühnenraum auf verschiedene Art und Weise benutzen und es schaffen den Zuschauenden in den Bann des Geschehens hereinzuziehen. Es sind zwei unterschiedliche Inszenierungen und doch sieht man die Verbindung, die die beiden haben, obwohl sie unabhängig von einander entstanden.

Eine Bühne, die mit sich mit sieben Schritten durchschreiten lässt, ein Bühnenbild, das aus einem schwarzen Vorhang auf der Bühnenhinterseite besteht, ein Tisch, ein Stuhl, ein Rolltischchen, hinten auf einem Kleiderbügel ein Nachthemd, rechts ein Herrenjackett, vorne rechts ein Fell. Das reicht, um eine ganze kleine Welt entstehen zu lassen, wenn man es versteht, den toten Dingen Leben einzuhauchen. Und in dem Figurenspiel „Was man von hier aus sehen kann“, einem Gastspiel des Marotte-Theaters Karlsruhe, gelingt dies in anrührender Weise.

Aufhänger ist die „Erzählerin“, dargestellt von Friederike Krahl, die sich als Buchhändlerin ausgibt, die dem Publikum ihr (auch außerhalb der Bühne tatsächlich existierendes und auch schon verfilmtes) Lieblingsbuch „Was man von hier aus sehen kann“ vorstellen will. Sie tut dies, indem sie mit der vorhandenen Requisite und kleinen Figuren aus Knete die Handlung des Buches in einer straffen Zusammenfassung vorspielt. Recht kühl beginnend steigert sie sich in einen Spielrausch hinein, in dem sie alle Rollen selbst übernimmt und zum Beispiel in Dialogen von einem Moment zum nächsten die Rollen hin und her tauscht.

Die Handlung spielt in einem fiktiven kleinen Dorf im Westerwald, es gibt eine Handvoll Protagonisten, Menschen ohne den besonderen Anspruch, etwas Außergewöhnliches zu sein, und doch mit emotionalen Tiefen und biografischen Untiefen: der immer wiederkehrende Schatten eines vergangenen Suizids, der sich wiederholende Traum einer Frau von einem Okapi, der innerhalb eines Tages den Tod eines Dorfbewohners nach sich zieht, ein junges, hoffnungsvolles und sehnsüchtiges Liebespaar, dessen Glück mit dem abrupten Unfalltod des jungen Mannes endet, die unerfüllte, jahrzehntelange Liebe des ortansässigen Optikers zu einer Frau des Dorfes, der hunderte von Liebesbriefen an sie verfasst, aber nie versendet, der Wunsch eines Mannes, das Dorf zu verlassen und nach Alaska zu reisen.

Dies alles wird intensiv und eindringlich dargestellt von Friederike Krahl – unter Zuhilfenahme von Figürchen, Modell-Häuschen und Alltagsgegenständen. Da findet ein fast schon erotischer Tanz zwischen zwei Mon Chérie-Pralinen statt, eine Dose Erbsen wird zum Leben erweckt und ein Mars-Schokoriegel wird zum Symbol für einen begehrten Mann: braungebrannt, mit glatter Haut, süß und lecker – buchstäblich zum Reinbeißen. Alles in allem sehr gelungene kurzweilige siebzig Minuten voller Leidenschaft, Rührung, Freude und Trauer. Es war schade, als es zu Ende war.

2017 brachte die Autorin Mariana Leky den Roman „Was man von hier aus sehen kann“ heraus und erzählte darin die tragische und wunderschöne Geschichte von Selma und ihrer Enkelin Luise. Im Jahr 2025 wird diese Geschichte neu nacherzählt, im Rahmen des Festivals „No Strings Attached“ und von dem Marotten Figurentheater aus Karlsruhe.

Die Schauspielerin Friederike Krahl nimmt die Zuschauenden in der Rolle einer Buchhändlerin, die einem kleinen Publikum ihr Lieblingsbuch vorstellt, mit in die von Leky geschaffene Welt. Mithilfe kleiner Knetfiguren, einem zotteligen Teppich und jeder Menge Erbsen erzählt sie auf herzerwärmende Art von der Rentnerin Selma, die in ihren Träumen ein Okapi sieht und damit den Tod von einem Dorfbewohner voraussieht. Jedes Mal, wenn das geschieht, haben die Bewohner vierundzwanzig Stunden Zeit, bevor die zu diesem Zeitpunkt unbekannte Person stirbt. Sie nutzen diesen letzten Tag damit, ihre Wahrheiten zu teilen und hier kommen die Erbsen ins Spiel. Erst einzeln, dann immer mehr kullern sie über den Tisch und werden von der Darstellerin aufgespießt und verzehrt.

Und wenn die Erbsen nicht genug waren, lässt Krahl Mon Cheri Pralinen romantisch über die Bühne fliegen oder verkuppelt eine Knetfigur mit einem Marsriegel. Die Inszenierung brachte mich mit schlauem Witz zum Lachen und mit roher, ehrlicher Emotion zum Weinen und brachte mir die wunderbare Geschichte Lekys auf eine Art und Weise näher, dank der ich sie nie vergessen werde.

Mit kleinen, selbstgemachten Figuren zu spielen ist doch kein Theater. Dieser leise und durchaus ungebetene Gedanke fand sich direkt zu Beginn der Vorstellung in meinem Kopf ein und machte sich hartnäckig breit, trotz meines vermeintlichen Vorwissens im Bereich der Theaterwissenschaft. Doch wie falsch ich damit liegen sollte, stellte sich schon alsbald heraus.

Die Schauspielerin Friederike Krahl porträtierte unter der Regie von Eva Kaufmann die Rolle einer Buchhändlerin, welche uns, das Publikum, mit auf eine Reise quer durch ihr Lieblingsbuch nahm, gleichnamig zur Inszenierung des Abends. Die humorvolle und schon fast kindlich-verspielte Art, wie Krahl es bewältigte, einen aus dem Vorstellungsraum im ZMO in Bretzenheim mitten in ein kleines Dorf im Westerwald zu entführen und dessen Bewohner*innen wie z.B. Luise, Selma und Martin auf gleiche Weise zunächst in die Herzen der Zusehenden zu geleiten und ebenjenes gleich darauf zu brechen, ist ebenso unvergleichlich wie unvergesslich.

Durch eine lebhafte Beschreibung der Geschehnisse und des Bühnenraumes (sehr hilfreich bei kleinen Figuren und einer nicht zu missachtenden Entfernung zur Bühne) waren alle noch so kleinen Requisiten und Metaphern zu erkennen und verstehen, reichend von Miniaturhäusern, über Erbsen, bis hin zu einem Fell, welches den Hund Alaska porträtierte. Doch die daraus folgende Immersion in die Geschichte führte einem die traurige Handlung nur umso näher, und es würde mich nicht wundern, wenn im Publikum die ein oder andere Träne geflossen wäre.

Zwei Dosen grüne Erbsen, ein rosa Nachtkleid, ein Holztisch. Die braune Anzugsjacke rechts im Bild, ein Buch mit dem Titel „Afrika“ links. Mon Cheri und das hier nun weniger heimische Okapi.
Friederike Krahl schafft es an diesem Abend all diesen zuvor so unscheinbaren Gegenständen Leben einzuhauchen, ihnen ihre Geschichte zu entlocken und Bedeutung zu verleihen.

Der Kultursommer der Stadt Mainz und Veranstalter des „No Strings Attached“-Festivals lädt ein zu einem Abend faszinierenden Figurentheaters. „Was man von hier aus sehen kann“ nach dem gleichnamigen Bestseller von Mariana Leky aus dem Jahr 2017 erzählt die Geschichte einer sonderbaren Dorfgemeinschaft mitten im Westerwald. Selma, Luises Großmutter, träumt gelegentlich von einem Okapi. Immer wenn das geschieht, stirbt jemand aus dem Dorf. Es bleiben nur 24 Stunden, in denen die Bewohner:innen des Dorfes letzte Wahrheiten offenbaren oder das nie Gesagte endlich aussprechen. Zwischen der Angst vor dem eigenen Tod, der ersten Liebe und melancholischer Erinnerung an die Kindheit, begleitet Friederike Krahl die Zuschauenden einen Abend durch das Erwachsenwerden und die Eigenheiten des Lebens.

In rund 70 kurzweiligen Minuten erwacht der braune Anzug zum Leben, die stille Liebe des Optikers für Selma rührt die Herzen des Publikums, hinter dem Buch mit der Aufschrift „Afrika“ steckt nicht nur die Geschichte von Luises Vater, sondern auch der perfekte Name für ihren Hund: Alaska. Die sehnsüchtige Briefromanze zwischen Luise und Frederik holt das fast schon vergessene Gefühl der ersten großen Liebe hervor, und mit einem ganz besonderen Charme ist der Abend auch für die jungen Erwachsenen im Publikum ein Vergnügen.

In Mariana Lekys Buch „Was man von hier aus sehen kann“ geht es um die Geschichte von Selma, die in einem kleinen Dorf lebt. Dort sterben innerhalb von 24 Stunden immer wieder Menschen. Immer kurz bevor das passiert, erscheint Selma ein Okapi im Traum.

In der gleichnamigen Aufführung im Rahmen des Festivals „No Strings Attached“ erzählte die Akteurin Friederike Krahl in der Rolle von Martina das Buch als ihre Lieblingsgeschichte nach. Dazu benutzte sie kleine Spielfiguren mit menschlichen Körpern, die Figur eines Okapis im selben Baustil und einen rechteckigen Schreibtisch mit seitlichen Schubladen als Spielfläche der Figuren. Es gab auch Requisiten wie eine Süßigkeit der Marke „Mon Cherie“, eine Dose Erbsen, eine Felldecke, die in einigen Szenen einen Hund darstellte, sowie Geräusche von halb- und ganz leeren Plastikflaschen, die in einer Szene ziemlich genial und lebensecht das Rattern eines Zuges nachahmten, und ihre Stimme, die sie häufig sehr gekonnt verstellte und so verschiedenen Charakteren Leben einhauchte.

Zur Veranschaulichung eines erzählerischen Zeitsprungs wurde das Lied „Time Warp“ aus dem Film des gleichnamigen Musicals „Rocky Horror Show“ gespielt. Die Stelle hat mir sehr gut gefallen, da die gesprochenen Worte sich sehr gut mit den Zeilen des Liedes verbunden haben. Friederike Krahl gelang es, durch Gestik, Mimik, Stimme und Geräusche einen guten Spagat zwischen Komik und Ernsthaftigkeit herzustellen und die Geschichte spannend und anschaulich zu gestalten. Es war eine sehr gute und gelungene Aufführung, die ich auf jeden Fall weiterempfehlen kann!

Im Rahmen des Festivals „No Strings Attached“ verwandelte Friederike Krahl im ZMO Mainz Mariana Lekys Buch „Was man von hier aus sehen kann“ in ein bezauberndes Figurentheater voller Humor, Melancholie und Poesie. Mit Knetfiguren, Schokoladenpralinen, einer Dose Erbsen und einfachen Alltagsgegenständen erweckt sie das kleine Westerwalddorf zum Leben und verleiht jedem Detail eine eigene Bedeutung. Sie erzählt dabei in der Rolle einer Buchhändlerin die Geschichte von Luise, ihrer Großmutter Selma und dem namenlosen Optiker und ihren Schicksalsschlägen.

Dabei entsteht das Gefühl, als würde eine erwachsene Frau in einem überdimensionalen Kinderzimmer spielen, nur dass die Spielzeuge von Liebe, Verlust, Verbundenheit, Sehnsucht und Tod erzählen. Diese Verbindung aus kindlicher Verspieltheit und ernster Tiefe verleiht der Inszenierung einen besonderen Zauber und macht sie warmherzig, lebendig und fesselnd zugleich.

Krahl wechselt virtuos zwischen den Figuren, lässt ein Okapi in Träumen erscheinen, zwei Mon-Chéri-Pralinen heimliche Leidenschaft darstellen, verwandelt eine Teppich in einen Hund, und ein Mars-Riegel wird zum Symbol unerfüllter Sehnsüchte. Musikalische Einlagen unterstreichen dabei die erzählerischen Zeitsprünge auf spielerische Weise. So entsteht ein Theaterabend, der in siebzig Minuten die existenziellen Themen des Lebens anschaulich vermittelt, ohne an Leichtigkeit zu verlieren. Die Aufführung zieht sowohl Kennerinnen und Kenner des Buches als auch Neuentdeckerinnen und Neuentdecker gleichermaßen in ihren Bann und hinterlässt ein nachhaltiges, magisches Erlebnis mit Momenten, in denen man herzhaft auflacht und beinahe den Tränen nah ist.

Schwerelosigkeit und die unendlichen Möglichkeiten des menschlichen Körpers: Ana Jordão und Vincent Kollar scheinen genau das in ihrer Aufführung „A Body and other Objects“ zu thematisieren. Bei dem „No Strings Attached“-Festival 2025 stehen sie gemeinsam auf der Bühne und zeigen dem Publikum eine ganz neue Perspektive auf Akrobatik und Körperfiguren.

Zuerst sieht der Zuschauer nur eine leere Bühne. Dann Licht auf Ana und ein von der Decke hängendes weißes Seil. In ihren Haaren geflochten befindet sich ein Metallring, welcher mit dem Seil verbunden wird. Jetzt kann Ana an diesem scheinbar federleicht hochgezogen werden, als würde sie schweben. Sie fängt an sich zu bewegen, und es entsteht ein Tanz zwischen Boden und Decke, ständig begleitet von Musik und Licht.

Dann kommt Vincent dazu. Während der Aufführung begleitet er Ana immer mal wieder in ihrem Tanz, doch selbst verlässt er den Boden nicht. Stattdessen nutzt er weitere Seile oder seinen Körper um sie in die Luft zu werfen. Auch ein eigenes Solo hat er. Ein kleineres Seil wird mit zwei Karabinerhaken versehen und kann so durch Vincents Bewegungen zu verschiedenen Figuren geformt werden.

Die Aufführung endet mit mehreren, über die Bühne gespannten Seilen und Ana in der Mitte von der Decke hängend. Dabei dreht sie sich um ihre eigene Achse. All das wird begleitet von Stroboskopeffekten, welche die Wirkung des Staunen nur noch untermalen. In „A Body and other Objects“ gelingt es den beiden Darstellenden, das Publikum für die Möglichkeiten des Körpers zu begeistern und ihnen eindrucksvoll einen Abend voller Akrobatik und Brillanz zu zeigen.

In der Inszenierung „A Body and other Objects“ von Ana Jordão bewegen sich ihr Performancepartner Vincent Kollar und sie an verschieden großen und verschieden langen Seilen durch den schwarzen Bühnenraum. Anas Haare sind an einem starken Seil mit der Decke verbunden, sie wird hinaufgezogen und schwebt schwerelos wie eine Fee und bewegt sich tänzerisch durch den Raum, während Vincent am Boden bleibt. Sie tanzen ein Duett und zeigen verschiedene Figuren mit ihren Körpern. Zwischendurch tanzen die beiden aber auch Solo.

Ana lässt sich gelegentlich noch auf den Boden herab und sie bewegen sich gemeinsam. Entweder steuert eine Person spielerisch und tänzerisch immer die andere, wie eine Puppe, oder sie werden durch die im Raum verteilten Seile geleitet. Es wirkt auf jeden Fall so, als würden sie ständig zwischen der Form einer Marionette und der eines Menschen wechseln.

Die beiden bewegen sich langsam, passend zur Musik. Im Hintergrund hört man Melodien, manchmal auch nur vereinzelte Geräusche oder Musik. Diese Töne, vom Klavier bis hin zu einem einfachen „Plop“, sind ruhig und langsam und schaffen in dem Saal eine schöne, dunkle und mystische Atmosphäre. Dies erzielen sie auch durch einzelne Scheinwerferkegel, die sich ihren Weg durch den dunklen Raum bahnen. Durch das kluge Einsetzen verschiedener Lichteffekte entstehen immer wieder große Schatten von den Darsteller*innen und Seilen auf dem schwarzen Bühnenhintergrund. Es wirkt dadurch so, als wären sie nie allein, als würde der Schatten fest zur Performance gehören. Vincent schafft es nur mit riesigen Seilen und Karabinern geometrische Formen in die Luft zu zeichnen.

Generell wirken Ana und Vincent in ihren Bewegungen sehr vertraut miteinander, fast schon romantisch, aber auch spielerisch, so als würden sie gerade einfach gerne verschiedene Dinge mit den Seilen ausprobieren. Diese Vertrautheit spürt man im ganzen Raum. Ihre Körperbeherrschung ist unglaublich und atemberaubend, sie verschmelzen miteinander, ohne sich zu berühren und nutzen den „negative space“ auch mit ihren Bewegungen und mit den Seilen voll und ganz aus.

Am rechten Bühnenrand hängt ein weißes Seil herunter. Das Seil und Ana Jordão werden von einem blauen Lichtkegel hervorgehoben. Die Musik begleitet die Akrobatik. Der EDM Sound wird geprägt von Synthesizern und erzeugt eine an den Weltraum erinnernde Atmosphäre. Langsam hangelt Ana sich das Seil hoch. Dabei erforscht sie zunehmend ihre neuen Fähigkeiten. Mit der Zeit fängt sie an, am Seil zu schweben und immer freiere Bewegungen auszuüben. „A Body and other Objects“ wurde von Ana Jordão und Vincent Kollar entwickelt. Beim „No Strings Attached“-Festival führten sie ihr 60-minütiges Bewegungsstück auf.

Der schwebende Tanz von Ana wird durch eine alte Zirkus-Technik, dem Hairhangig (=Haar hängen), ermöglicht. Dabei hat sie einen Ring in ihre Haare geflochten und kann an diesem hoch in die Luft gehoben werden. Durch die Verbindung mit der Musik von Fabian Laute und dem Licht von Boy den Boer wird daraus die eigentliche Hauptattraktion. Aber auch Vincent, ein studierter Jongleur, darf sich in seinen Solos zeigen. Seine Momente reichen von einfachen Zaubertricks bis hin zu beeindruckenden Figuren. Das Seil mit zwei Karabinern beherrscht er mit einer Leichtigkeit und zeigt so, was mit einfachsten Mitteln möglich ist.

Wenn beide auf der Bühne stehen, wird aus gemeinsamer Bewegung ausdrucksstarker Tanz. Dabei werden die Bewegungen langsam erkundet, hin zu einer intimen Darbietung. Die beiden steigern sich in ihrer Bewegung, bis Ana dann zum ersten Mal das Hairhanging präsentiert.

Zum Abschluss wird noch mal ein Feuerwerk gezündet. Aus Ana wird ein Pendel, mit dem Vincent spielt. Als das Licht ausgeht, sagt eine Stimme aus dem Off: “Do you remember how it felt to be infinite?” (Kannst du dich daran erinnern, wie es sich anfühlte, unendlich zu sein?). Dann setzt das Stroboskoplicht ein und Ana dreht sich in ständig neuen Figuren um ihre eigene Achse, mitten in der Luft, gehalten von ihren Haaren. Begleitet wird das von den treibenden Bässen der Elektro-Musik. Hier zeigt sich das perfekte Zusammenspiel aus Licht, Musik und Choreografie. Boy lässt die von Vincent gespannten Seile leuchten und verstärkt so den atemberaubenden Moment.

Diese aus dem Zirkus kommende Technik auf der Bühne sehen zu dürfen, war für mich ein erstes Mal. Es lässt zu träumen, dass diese Art der Akrobatik das Deutsche Tanztheater nachhaltig bereichert. Die beiden schaffen einen Raum mit vielen kleinen besonderen Momenten. Sie luden ein, mit ihnen den menschlichen Körper in einer neuen Bewegung zu erleben.

Ein Abend der zum Spielen aber auch zum Nachdenken anregt: Die Darsteller*innen Ana Jordão und Vincent Kollar ziehen das Publikum mit nur einem oder wenigen Seilen in ihnen Bann. Kollars Arbeit mit Seilen ist beeindruckend und Jordão ist Meisterin der Hair-Hanging-Artistik. Die geübten Handgriffe lassen Körper und Gegenstände miteinander verschmelzen. Artistisch scheint Ana Jordão über die Bühne zu schweben, während Vincent Kollar Seile mit Karabinerhaken gekonnt um sich windet und kreisen lässt, bis zum scheinbaren Durchbrechen physikalischer Möglichkeiten.

Etwas zum Lernen gibt es auch; Vincent Kollar erklärt die Funktionsweise vom Spleißen, welche das Publikum auch direkt mit chinesischen Fingerfallen ausprobieren kann. Das harmonische Zusammenspiel der beiden Darsteller*innen erschafft eine Art Tanz, während Jordão über Kollar schwebt, auf ihm zu laufen scheint und durch seine Bewegungen durch den Raum geführt wird. Es lässt sich über Abhängigkeitsverhältnisse philosophieren und erkennen, welche Einflüsse ein anderer Mensch oder ein bloßes anderes „Objekt“ auf den eigenen Körper haben kann.

Der Titel „A Body and other Objects“ impliziert, dass ein Körper nur ein Objekt unter vielen ist. So scheint es auch in dieser Performance: Körper verschmelzen mit Seilen, Armen, Beinen, beide Körper wirken wie einer, und in dem eindrucksvollen Ende scheint der Körper übernatürlich zu werden. Insgesamt war es ein zirkusreifer Abend, welcher zum Nachdenken oder auch einfach nur zum Staunen anregt.

Die Theatergruppe „Theater Zitadelle“ präsentierte in den Mainzer Kammerspielen ihr Stück „Grand Hotel Grimm“, eine fantasievolle und visuell ansprechende Neuinterpretation klassischer Märchenmotive. Die Inszenierung versprach einen Blick hinter die Kulissen der Götterwelt und eine spannende Auseinandersetzung mit den Themen Tod und Schicksal.

Schon das Bühnenbild setzte einen stimmungsvollen Rahmen. Die Gestaltung glich dem Foyer eines eleganten, aber leicht angestaubten Hotels, dem titelgebenden Grand Hotel Grimm. Eine türkise Rezeption mit altmodischem Scheibentelefon und Schlüsselbrett auf der linken Seite stand im Kontrast zu einem runden Tisch und einem Fahrstuhl-Aufbau auf der rechten Seite. Im Zentrum dominierte ein von einem roten Vorhang verhängter Eingang, über dem das ikonische, rückwärts geschriebene Hotelschild prangte. Diese sorgfältige, puppenhafte Ästhetik bildete eine passende Kulisse für das skurrile Geschehen.

Die Handlung nahm ihren Anfang in einem Telefonat zwischen Gott und dem Teufel, deren Stimmen das Publikum in das Dilemma einführten. Das Lebensende der Katze aus den Bremer Stadtmusikanten naht und beide Mächte beanspruchen ihre Seele. Um den rechtmäßigen Besitz zu klären, vereinbaren sie ein inkognito Treffen im Grand Hotel Grimm, getarnt als Teilnehmer einer „Grimmgesellschaft“-Konferenz.
Die Verkleidungen, Gott als Herr Zwerg, der Teufel als Rotkäppchen und der Tod als Hans im Glück, sorgten für eine ironische Brechung der Märchenfiguren. Das Schicksal der Katze wird in einem Schachspiel zwischen Gott und dem betrügenden Teufel verhandelt.

Die eigentliche emotionale Tiefe entfaltet sich, als die Hotelmitarbeitenden, insbesondere Herr Wolf, der Partner von Frau Katze, die wahre Identität der Gäste und ihren todbringenden Auftrag entdecken. In einem Akt bedingungsloser Liebe opfert Herr Wolf seine eigene Seele für seine Partnerin, indem er das Seelenlicht vertauscht. Die anschließende Verhandlung zwischen Wolfs Seele und Gott um das Leben der Katze, die Wolf gewinnt, führt zu einem versöhnlichen Finale, das mit einem gemeinsamen Lied über die Unausweichlichkeit, aber auch die Akzeptanz des Todes endet.

Inhaltlich bot die Aufführung eine sehr ansprechende, tiefgründige und kreative Erzählung über Liebe, Opfer und den Umgang mit dem Tod. Die Prämisse ist originell und das Puppenspiel des „Theater Zitadelle“ ist bekannt für seine Qualität. Allerdings wurde der positive Gesamteindruck durch den Humor stark beeinträchtigt. Bereits der einleitende Auftritt des Puppenspielers, der das Publikum mit flachen Witzen über den Osten, das Puppenspiel, etc. anheizte, setzte den Ton. Bedauerlicherweise zog sich dieses niedrige, teils platte humoristische Niveau durch die gesamte Aufführung.

„Grand Hotel Grimm“ ist im Kern ein liebevoll gestaltetes und fantasievolles Stück mit einer emotional berührenden und intelligenten Handlung. Die Leistung der Puppenspieler und die Gestaltung der Bühne sind bemerkenswert. Für ein Kinder- oder Familienpublikum mag die Mischung aus Märchen und einfachem Witz funktionieren. Für Jugendliche und Erwachsene jedoch wirkt das komödiantische Niveau oft zu schlicht und nahm dem Sehvergnügen leider einen Großteil des Reizes. Hier hätte man sich gewünscht, dass die humoristischen Elemente die erzählerische Komplexität des Stücks besser ergänzt hätten.

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Das Grand Hotel Grimm erzählt von vier betagten Freund:innen, Frau Katz, Herr Spatz, Herr Wolf und Frau Kuh, welche aus ihrer Seniorenunterkunft ein Hotel gemacht haben. Doch seltsame Märchenwesen, die sich passenderweise auch noch „die Grimm-Gesellschaft“ nennen, wollen im Hotel tagen und sorgen bei den vier Freund:innen für Verunsicherung.

Das letzte Mal, dass wir als Anfang 20-jährige ein Puppen-Theater gesehen haben, war in unserer Kindheit. Dieses besondere Medium thematisierte der Puppen-Spieler Daniel Wagner in einem kurzen Eingangsmonolog, in welchem er das Theater Zitadelle – und somit auch seine beiden Eltern – kurz humoristisch vorstellte. Hierbei wurde nicht nur die Darstellungsart an sich gleich reflektiert, auch ein Witz, der später im Stück vorkommen würde, wurde vorneweg erklärt, da man es nicht mehr hinnehmen wollte, dass ihn keiner verstünde. Das Publikum nahm dies schmunzelnd und lachend hin.

Daniel und Regina Wagner verliehen den Puppen ihre Stimmen und brachten sie in Bewegung, manchmal sogar zwei Puppen gleichzeitig. Die Puppen selbst, Frau Katz zum Beispiel, nutzte ihre menschlichen „Hintermänner“ auch, um sich bestimmend herumtragen zu lassen, oder um nach Kaffee zu verlangen. Es herrscht also ein direkter Austausch zwischen den Puppen selbst und den Bespielenden. Der kreative Weg, die zunächst als Einschränkungen verstandenen Grenzen des Puppenspiels humoristisch zu seinen Stärken zu verwandeln, hat uns sehr beeindruckt.

Was sich jedoch wie ein Brandstempel in unsere Erinnerungen prägen wird, ist die extravagante Inszenierung des Todes. Sowohl durch den Sensenmann als Figur, als auch in einem unfassbar eindrücklich miterlebbaren Hinscheiden einer Puppe, deren Seele sie – als identische Puppe, nur ganz in weiß – verließ. Diese Szene sorgte durch die brillierte musikalische Untermalung bei uns und anderen Personen im Publikum für ein beklemmendes und erstauntes Gefühl über das Gesehene. Trotz dem, dass es sich „nur“ um Puppen handelt, nahm man sie als lebend oder eben versterbend real wahr und war emotional investiert. Wir mussten uns schließlich darauf aufmerksam machen, dass unsere Münder schon seit geraumer Zeit offen standen. 

Im Rahmen von „No Strings Attached“ besuchte ich am Samstagabend die Inszenierung von „Grand Hotel Grimm“ des Theater Zitadelle Spandau. Unsere Protagonist*innen sind Frau Kuh, Herr Wolf, Frau Katz und Herr Spatz – sie bilden eine Formation, die Mensch mit den Bremer Stadtmusikanten der Gebrüder Grimm vergleichen könnte. Nur stammen sie nicht aus Bremen, sondern aus Berlin-Spandau und bilden dadurch den roten Faden von weiteren Parallelen zu den Märchen der Gebrüder Grimm, der sich durch diese Inszenierung zieht.

Unser Quartett, alle vier im betagteren Alter, betreibt das „Grand Hotel Grimm“ und verbringt dort seinen Lebensabend. Da Frau Katz aufgrund des Willens einer höheren Macht sterben soll, entbrennt zwischen Gott und Teufel ein großer Streit, denn die beiden können sich nicht einigen, wohin Frau Katz nach ihrem Tod kommen soll: hoch in den Himmel oder runter in die Hölle. Deswegen quartieren sich Gott, Tod und Teufel inkognito (als Zwerg, Hans Glück und Rotkäppchen) als Grimmgesellschaft im „Grand Hotel Grimm“ ein, um diese Diskussion in Persona zu führen. Gott und Teufel spielen darum, letzterer schummelt und gewinnt so das Spiel. Beobachtet werden sie dabei von der jugendlichen Katze Ellie und Herrn Wolf.

Da Ellie ein großer Deathmetal-Fan ist, erfahren sie über das neue Album der Catkillers, Ellies Lieblingsband, wie sie weiter vorgehen müssen: Herr Wolf tauscht im letzten Moment beim Tod das Lebenslicht der Frau Katz, welches der Tod bereitgestellt hat, mit seinem eigenen aus. Das schafft er dadurch, dass er den Tod mit einem vorgetäuschten Telefonat aus seinem Zimmer lockt. Als der Tod wieder ins Zimmer kommt, löscht er das vermeintliche Lebenslicht der Katze, das eigentlich das des Wolfes ist. Daraufhin berichtet Gott im Himmel von der Täuschung des Teufels. Gott schickt ihn dadurch auf die Erde zurück und da die Arbeit des Dieners, des Tods, getan ist, muss am Ende niemand unseres Quartetts sterben.

Ein klassischer und auch bekannter Plot, herzerwärmend und humoristisch dargestellt durch das Team des Familienunternehmens Theater Zitadelle Spandau: von Mutter Regina Wagner (Puppenspielerin, u.a. von Frau Kuh und dem Tod), Vater Ralf Wagner (technische Leitung) und Sohn Daniel Wagner (Puppenspieler, u.a. von Frau Katz und Herrn Wolf). Wenn der vorgebrachte Humor in Form von Wortwitzen sowie der Interaktion von Handpuppe und Puppenspieler*in den Geschmack der Zuschauenden trifft, was er bei mir auf jeden Fall getan hat, so erfüllt es das Herz von Jugendlichen und Erwachsenen.

Die Kombination aus Kinderheitserinnerungen durch die Referenzen zu den bekannten Märchen der Gebrüder Grimm, dem einfachen, gängigen Plot, Witzen und gespielten Situationen, die man aus seinen eigenen Erlebnissen wiedererkannte – etwa wenn die pubertierende Katze Quatsch macht, während sie an der Rezeption des Hotels sitzt und den Check-In eines „Arsch mit Ohren“ einträgt – ließen einen für 80 Minuten aus dem doch oft stressigen Alltag entfliehen. Meines Erachtens ein sehr gelungener Abend!