Die Theaterwissenschaft der JGU Mainz ist aktuell an einem größeren Verbundprojekt der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) beteiligt: Im Sonderforschungsbereich 1482 „Humandifferenzierung“ werden mit „Schauspielen als Beruf“, „Theater im Wettbewerb“ und „Humandifferenzierungen des Publikums“ seit Januar 2026 drei theaterwissenschaftliche Teilprojekte gefördert. In der ersten Förderphase (2021–2025) war die Theaterwissenschaft bereits mit den Teilprojekten „Staging Differences“ und „Disability Performance“ in dem Verbund vertreten. Zudem beginnt im April 2026 ein DFG-Graduiertenkolleg mit dem Titel „Techniken des Bezeugens“ unter theaterwissenschaftlicher Beteiligung, das bisher als Gutenberg Nachwuchs-Kolleg (GNK) gefördert wurde und als AG „Zeugenschaft“ im Georg Forster Forum beheimatet war. Ebenfalls im April 2026 nimmt eine Emmy Noether-Forschungsgruppe zum Thema „Brechts Gespenster“ ihre Arbeit in der Theaterwissenschaft der JGU auf.

Der SFB „Humandifferenzierung“ untersucht ein grundlegendes kulturelles und soziales Phänomen: dass sich Menschen fortlaufend kategorisierend unterscheiden. Sie tun dies etwa nach Nationalität, Ethnizität, Religion, Alter, Geschlecht, Leistung, sexueller Orientierung usw. Ziel des SFB ist es, die Praktiken der Unterscheidung, also das Wie der Unterscheidung in unterschiedlichen geografischen, kulturellen und historischen Kontexten zu erforschen sowie anhand von Konjunkturen und Relationen jener Praktiken der Humandifferenzierung eine empirisch gesättigte, interdisziplinäre Theorie der Differenzierungsforschung zu entwickeln. In der zweiten Förderphase (2026–2029) wird in insgesamt 21 Teilprojekten geforscht, drei davon kommen aus der Theaterwissenschaft:

Teilprojekt D04: „Schauspielen als Beruf. Historische Konjunkturen der Humandifferenzierung in Schauspielausbildung, Künstlervermittlung und Theaterhäusern im 20. Jahrhundert“
Dr. Hanna Voss und Prof. Dr. Friedemann Kreuder (Projektleitung) erforschen gemeinsam mit Stefanie Hampel und Annika Will die Bedeutung von Humandifferenzierungen für die Personalauswahl und -formung in Schauspielausbildung, Künstlervermittlung und Theaterhäusern im Zuge der Professionalisierung des Schauspielberufs im 20. Jahrhundert: Wie werden (potentielle) Auszubildende, Berufsanwärter:innen und Schauspieler:innen im Rahmen von künstlerischen Auswahlprozessen kategorisiert und (aus)sortiert sowie in beruflichen Sozialisationsprozessen institutionell geformt? Das Projekt untersucht verschiedene Zeiträume vor dem Hintergrund wechselnder politischer, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Bedingungen: die Weimarer Republik und die NS-Zeit sowie das geteilte Deutschland bis zur Wiedervereinigung.

Teilprojekt D06: „Theater im Wettbewerb. Diversität als Kriterium der Kulturförderung“
Dr. Stefanie Husel (Projektleitung) untersucht Praktiken der Humandifferenzierung in der gegenwärtigen Kulturförderung und dem mit ihr verbundenen Antragswesen im Theaterkontext. Es beleuchtet, wie die Auswahl ‚förderungswürdiger‘ Theatermacher:innen im Zuge kulturpolitischer Bemühungen um Diversifizierung auf Unterscheidungen nach Humankategorien rekurriert. Zugleich wird Thema, inwieweit Theaterprojekte in ihren Förderanträgen, Aufführungen und Nachbesprechungen ihrerseits aktuelle gesellschaftliche Prozesse der Humandifferenzierung thematisieren oder kritisch beleuchten. Beispielhaft untersucht werden ein großskaliges EU-Kooperationsprojekt sowie bundesdeutsche Theaterwettbewerbe.

Teilprojekt E02: „Humandifferenzierungen des Publikums. In- und Exklusion durch Praktiken der Adressierung und Segregation im Gegenwartstheater“
Jun.-Prof. Dr. Benjamin Wihstutz (Projektleitung) untersucht gemeinsam mit Dr. Elena Backhausen und Chiara Grima de la Cruz einen kulturellen Wandel im Theater der Gegenwart, der die Humandifferenzierung des Publikums betrifft. Erforscht wird, wie das Theaterpublikum als Versammlung und (Teil)öffentlichkeit adressiert, differenziert und segregiert wird. Im Zentrum stehen die Analyse neuer Praktiken identitätsbezogener Publikumsadressierung in der Öffentlichkeitsarbeit von Theatern, dramaturgische und materiell-infrastrukturelle Maßnahmen zur Förderung von Barrierefreiheit sowie zeitgenössische Debatten über Normen und Konventionen diskriminierungssensibler Kommunikation von Veranstaltungen (z. B. über sogenannte Trigger Warnings oder Safe Spaces).

Zudem wird das Teilprojekt für Responsive Wissenschaftskommunikation (WIKO) des SFB in der zweiten Förderphase von Jun.-Prof. Dr. Benjamin Wihstutz und Jun.-Prof. Dr. Tobias Boll (Soziologie) geleitet. Das Thema lautet: „Resonanzräume. Begegnung und Austausch zwischen Wissensformen und Öffentlichkeiten“, leitend ist die Annahme, dass Bildungs- und Kunstformate eigenständige, epistemisch produktive Beiträge zur Reflexion von Humandifferenzierung leisten können.

Die Emmy Noether-Forschungsgruppe „Brechts Gespenster. Theaterwissenschaftliche Theoriebildung im Ausgang des (Post-)Marxismus“ wird im Frühjahr 2026 unter der Leitung von Dr. Hans Roth neu an der JGU eingerichtet.

Auch in den Jahren davor war die Mainzer Theaterwissenschaft regelmäßig an Verbundprojekten beteiligt: u. a. von 2013 bis 2021 an der ebenfalls von der DFG geförderten Forschungsgruppe 1939 „Un/doing Differences. Praktiken der Humandifferenzierung“. Eine Übersicht der abgeschlossenen theaterwissenschaftlichen Teilprojekten und weiteren, städte- wie länderübergreifenden Kooperationsprojekten findet sich hier:

„Disability Performance als Humandifferenzierung. Aufführungen von Devianz und Leistung im historischen Wandel“ (2021–2025)
Teilprojekt A02 des SFB 1482 „Humandifferenzierung“
Untersucht wurde, wie sich Disability Performances als Praktiken der Humandifferenzierung in den vergangenen 200 Jahren verändert haben. Mit Leistungsdarbietungen in Freak- und Sideshows, der Paralympics sowie inklusiver Theater- und Tanzperformances der Gegenwart werden drei divergierende Genres historisch vergleichend in den Blick genommen. Ziel unseres Projekts ist es, zu ergründen, wie sich mit den Inszenierungspraktiken von Disability Performances Verschränkungen und Wechselwirkungen von Devianz und Leistung in der longue durée wandeln oder ungleichzeitig wiederkehren.
Leitung: Jun.-Prof. Dr. Benjamin Wihstutz, wiss. Mitarbeitende: Dr. Elena Backhausen, Mirjam Kreuser

„Staging Differences. Inszenierungen und Interferenzen von Humandifferenzierungen im Gegenwartstheater“ (2021–2025)
Teilprojekt A05 des SFB 1482 „Humandifferenzierung“
Erforscht wurde Humandifferenzierung im Rahmen zeitgenössischer, postdramatischer Theaterformen, die reflexiv mit der Theatersituation spielen und sozial experimentieren. Dabei wird Theater als Verdichtungsraum verstanden, in dem Praktiken der Humandifferenzierung, etwa nach Geschlecht, ‚Rasse‘, Ethnizität oder Klasse erprobt, dekonstruiert oder affirmiert werden.
Leitung: Prof. Dr. Friedemann Kreuder, wiss. Mitarbeitende: Dr. Yana Prinsloo, Yaël Koutouan, Stefanie Hampel, Annika Will (Vertretung)

„Theater zwischen Reproduktion und Transgression körperbasierter Humandifferenzierungen“ (2016–2021)
Teilprojekt der FOR 1939 „Un/doing Differences. Praktiken der Humandifferenzierung“
Leitung: Prof. Dr. Friedemann Kreuder, wiss. Mitarbeitende: Dr. Ellen Koban, Hanna Voss

„Das Dorf Christi. Institutionentheoretische und funktionshistorische Perspektiven auf Oberammergau und sein Passionsspiel im 19.-21. Jh.“ (2016–2022)
DFG Projekt (Sachbeihilfe)
Leitung: PD Dr. Jan Mohr (LMU München), Jun.-Prof. Dr. Julia Stenzel (JGU Mainz), wiss. Mitarbeitende: Céline Molter, Dominic Zerhoch

„Praktiken der ethnischen Ent/Differenzierung im zeitgenössischen deutschen Sprechtheater“ (2014–2017)
DFG-Projekt (Sachbeihilfe), assoziiert an die FOR 1939 „Un/doing Differences. Praktiken der Humandifferenzierung“
Leitung: Prof. Dr. Friedemann Kreuder, wiss. Mitarbeitende: Hanna Voss

„Performative Reflexion von Humandifferenzierung im Theater: Gender und Ethnizität“ (2013–2016)
Teilprojekt der FOR 1939 „Un/doing Differences. Praktiken der Humandifferenzierung“
Leitung: Prof. Dr. Friedemann Kreuder, wiss. Mitarbeitende: Ellen Koban

DAAD-Projekt „Die Zukunft des Theaters im Zeichen der Corona-Krise“
Leitung: Jun.-Prof. Dr. Benjamin Wihstutz/Daniele Vecchiato (Padua)

DAAD-Projekt im Rahmen des Hochschuldialogs Südeuropa

Neben kooperativen Forschungsvorhaben im Kontext fächerübergreifender Verbünde findet Forschung im Arbeitsbereich Theaterwissenschaft wesentlich im Rahmen individueller Forschungsprojekte statt. Ziel ist oftmals die eigene Qualifikation (Promotion, Habilitation). Die Individualforschung in Mainz bildet die thematische, theoretische und methodische Vielfalt bzw. Forschungsexpertise des Faches und der Mitarbeitenden des Arbeitsbereiches ab.

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